Schaffhauser Meisterkonzerte 2024

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Núria Rial, Werner Bärtschi

Sonntag 8. September 2024

17 Uhr – Kirche Burg, Stein am Rhein
mit Konzerteinführung auf dem Schiff

Das Konzert wird von Schweizer Radio SRF 2 Kultur aufgezeichnet. Der Ausstrahlungstermin wird später bekannt gegeben

Tickets

Núria Rial, Sopran
Werner Bärtschi, Klavier

Programm

 

Frédéric Chopin (1810-1849) – Nocturne b-moll op. 9/1 (1831)

Gabriel Fauré (1845-1924) – 4. Barcarolle As-Dur op. 44 (1886)

Erik Satie (1866-1925) – Deuxième Sarabande (1887)

Erik Satie – Embryons desséchés, d‘Holothurie d‘Edriophthalma, de Podophthalma (1913)

Erik Satie – Portrait de Socrate aus «Socrate», Drame Symphonique (1918)

John Cage (1912-1992) – Cheap Imitation I (1969)

Erik Satie – Bords de l’Ilissus und Mort de Socrate aus «Socrate», Drame Symphonique

John Cage (1912-1992) – Cheap Imitation II (1969)

Erik Satie – Mort de Socrate aus «Socrate», Drame Symphonique (1918)

Peter Cornelius (1824-1874) – Ein Ton op. 3/3 (1859), An den Traum op. 3/4 (1859)

Gioacchino Rossini (1792-1868) – Adieu à la Vie! (Élégie sur une seule note) (1867)

 

Núria Rial wurde früh als Barocksängerin berühmt. Doch sie pflegt auch das Lied und bringt neben anderen Werken Erik Saties opus summum «Socrate» mit, eine Vertonung von Stellen aus Platons Dialogen. Ihr Partner ist Werner Bärtschi, der auch die Programme der Schaffhauser Meisterkonzerte gestaltet.

 

Erik Saties Platonvertonung «Socrate»

Erik Saties «Socrate» ist ein so ungewöhnliches Werk, dass es kaum möglich ist, Vergleiche mit anderen Musikstücken und Textvertonungen anzustellen. Auch in Saties Schaffen nimmt es eine Sonderstellung ein. Es existiert in zwei Fassungen, derjenigen, die Sie heute hören und einer zweiten für kleines Orchester und vier Singstimmen.

Als Satie von der Prinzessin von Polignac einen freien Kompositionsauftrag erhielt, den er durch «Socrate» erfüllte, war er durch den Skandal um die Première des Balletts «Parade» und die nachfolgenden Gerichtsverhandlung, die ihm eine Gefängnisstrafe wegen Beleidigung eines Kritikers einbrachte, eine Pariser Berühmtheit geworden.

Satie führte seit langem ein Leben von fast mönchischer Abgeschiedenheit und Askese. Als Komponist war er ein Einzelgänger. Er hatte es gelernt, seine Scheu und Verletzlichkeit, denen wir in
seiner Musik begegnen, durch ironisierende Titel und Begleittexte zu verbergen. Diese Tarnung gelang ihm nur allzu gut; bis auf den heutigen Tag halten ihn viele für ein kauziges Original und vergessen ob der Diskussion über die Aspekte seiner vorgehaltenen Maske, sich mit den Werken selbst zu befassen.

Beim «Socrate» sah nun Satie die Möglichkeit, ohne Maske auszukommen. Er bekennt, dass er sich fürchte, vor diesem Werk, das er «weiss und rein wie die Antike» haben wollte, zu versagen. Doch die Arbeit kam gut in Fahrt. Er schreibt in einem Brief:

„Was ich mache? Ich arbeite am «Leben des Sokrates». Ich habe eine schöne Übersetzung gefunden: diejenige von Victor Cousin. Platon ist ein ausgezeichneter Mitarbeiter, sehr liebevoll und nie aufdringlich. Kurz, ein Traum! Ich habe der guten Prinzessin diesbezüglich geschrieben. Ich schwimme im Glück! Endlich! bin ich frei, frei wie die Luft, wie das Wasser; wie das wilde Schaf. Es lebe Platon! Es lebe Victor Cousin! Ich bin frei! sehr frei! Was für ein Glück!“

Seinem «wundervollen Mitarbeiter» Platon wollte er selber wiederum ein Helfer sein, auch er «sehr liebevoll und nie aufdringlich»: „Als ich dieses Werk schrieb, wollte ich der Schönheit der Dialoge Platons in keiner Weise etwas hinzufügen! Das hier ist nichts als ein Akt der Pietät, als die Träumerei eines Künstlers, als ein bescheidenes hommage…. Die Ästhetik dieses Werks widme ich der Klarheit; … die Einfachheit begleitet es, leitet es … Das ist alles, ich habe nichts anderes angestrebt…“

Singstimme und Klavierpartie, die im «Socrate» oft scheinbar beziehungslos nebeneinander herlaufen, wirken in Wahrheit in analytisch schwer erfassbarer Weise aufeinander ein. Fast könnte man es die Verwirklichung einer Utopie nennen: der Verbindung von Emanzipation und Zusammenarbeit.

Die besondere Wirkung des Werks lässt sich weder von der Musik noch vom Text her ganz erklären. Sie erinnert an die von Alkibiades geschilderte Wirkung der Reden des Sokrates: „Ich aber bin nun von etwas gebissen, das mehr weh tut, und an der Stelle, wo man einen Biss am empfindlichsten spürt, im Herzen nämlich oder an der Seele, oder wie man das nennen will, bin ich getroffen und gebissen von den Worten der Philosophie, die sich heftiger einbeissen als eine Natter, wenn sie die Seele eines wohlgearteten Jünglings ergreifen und sie dazu bringen, dass sie alles mögliche tut oder redet.“

Socrate und Cages «Cheap Imitation»

«Socrate» von Erik Satie und «Cheap Imitation» von John Cage stehen zueinander wie Thema und Variation, wie Mutter und Tochter, wie Original und «Cheap Imitation», das heisst: billige Nachahmung.

Cages Werk besteht vollständig aus Zitaten. Der Komponist gibt selber im Vorwort zur Notenausgabe die Methode an, nach der er Ton für Ton aus Saties «Socrate» abschrieb.
„Das I Ging“ (ein altes chinesisches Orakelbuch) wurde benützt, um folgende Fragen für jede Phrase (im Hinblick auf die Melodiestimme und manchmal die Begleitstimme von Erik Saties «Socrate») zu beantworten:

1. Welcher der 7 weisse – Noten – Modi soll benützt werden? 2. Beginnend auf welchem der 12 chromatischen Töne? Dann im 1. Satz (für jeden Ton ausser repetierten Tönen):

3. Welcher Ton der gegebenen Transposition soll benützt werden? Im 2. und 3. Satz werden die originalen Intervallverhältnisse für einen halben, manchmal für einen ganzen Takt beibehalten.“

Der deutsche Komponist Nicolaus A. Huber sagte dazu: „Was Cage dabei zustande brachte, ist wundervolle und verwundernde Musik zugleich. Und Cage selbst war offenbar vom Ergebnis so angetan, dass er davon eine Orchesterfassung für 24-95 Musiker in variabler Besetzung und eine Fassung für Violine solo erarbeitete.“

Um zu verstehen, wie sich ein Komponist mit dem im einzelnen unvorhersehbaren Ergebnis eines dem Zufall unterworfenen Kompositionsverfahrens derart identifizieren kann, wie er glauben kann, durch lauter Zitate Eigenes auszusagen, muss man Cages künstlerische Haltung zu verstehen versuchen.

Henry Cowell, einer seiner Lehrer, beschrieb sie so:
„John Cage will es so scheinen, dass eine kurze Tonfolge oder
selbst eine einzige Tonkombination in sich vollkommen ist und ein Hör-«Ereignis» darstellt. Aber er verwendet nicht die herkömmliche musikalische Organisation in der solche Ereignisse mittels eines vorausberechneten rhythmischen, melodischen und harmonischen Ablaufs miteinander verbunden sind, um das herzustellen, was wir
als eine organische musikalische Entwicklung zu betrachten pflegen. Da Cage jedes musikalische «Ereignis» als eine Wesenheit in sich begreift, die keiner Ergänzung bedarf, stellt er sie statt dessen einfach nebeneinander auf und sieht sie kraft ihrer Koexistenz im Raum aufeinander bezogen, wo sie innerhalb einer festgelegten zeitlichen Reihenfolge auftreten.“

Jahrelang verwendete Cage zum Schreiben seiner Musik Material, das sich besonders gut isolieren liess: Einzeltöne, unverbundene Intervalle und Akkorde, Geräusche. Doch in den fünfziger Jahren begann er auch Zitate zu verwenden, eine Technik, die nun eben in unserer «Cheap Imitation» ins Extrem gesteigert ist. Dazu John Cage: „Ich muss sagen, ich empfinde immer noch so, aber noch etwas anderes geht jetzt vor sich: ich fange an, die alten Klänge zu hören – die ich für verbraucht gehalten hatte, verbraucht durch Intellektualisierung – ich fange an, die alten Klänge zu hören als seien sie nicht verbraucht. Offenbar sind sie‘s nicht. Sie sind ebenso hörbar wie die neuen Klänge. Das Denken hatte

sie verbraucht. Und wenn man aufhört, über sie nachzudenken, sind sie plötzlich frisch und neu. Der Gedanke, die Klänge seien verbraucht, verbrauchte sie.“

Mit dieser Überlegung ist nebenbei bemerkt Cages völliges Abrücken von den Gedanken der damaligen europäischen Avantgarde angezeigt, wenn man überhaupt davon ausgehen will, dass es zwischen ihnen jemals eine mehr als nur äusserliche Beziehung gegeben hat.

Die Verknüpfung der Techniken des unverbundenen Nebeneinanderstellens klanglicher Ereignisse und der zitierenden Benützung vorgeformten musikalischen Materials ergibt den besonderen Charakter der «Cheap Imitation». Dazu wiederum Nicolaus A. Huber: „Man wird durch eine musikalische Landschaft geführt, in der man alles zu erkennen glaubt und gleichzeitig frappiert ist über die Fremdheit
und die neue Ausdruckskraft, die das Bekannte durch die vom Zufall geleisteten Verknüpfungen erhält.“

Huber argumentiert an einem Beispiel: „Saties Singstimme erhält ihre natürliche Gliederung durch die Sinnabschnitte, Hervorhebungen, Interpunktionen und Bedeutungsunterschiede des Textes. Diese Gliederung ist jedoch nur durch den Text plausibel. Auch die Häufigkeit der Achtelwerte als tragende Grunddauer rechtfertigt sich aus dem «lesenden» Gesangsvortrag und hat dadurch selbstverständliche Richtigkeit als Folge einer bestimmten Art musikalischen Textvortrags. Durch das Cage‘sche Verfahren der Weglassung der Quantität Text erleben wir den Umschlag der Melodie in eine neue Qualität. Alles, was vorher als eine selbstverständliche Folge einer im Vordergrund stehenden Textvortragsabsicht nur Beiläufigkeit besass, erfordert jetzt strukturelle Aufmerksamkeit und schiebt sich in den Vordergrund.“

Diese Musik anzuhören, braucht viel Ruhe, einen schöpferischen Müssiggang, etwa wie wenn man an einem schönen Sommertag in einer Wiese liegend dem veränderlichen Bild vorbeiziehender Wolken zusieht und dabei seiner Phantasie im Erkennen verschiedenster Bilder freien Lauf lässt.

Die Meisterkonzerte

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    Zürcher Kammerorchester

 
 

 

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